Gedanken zur Militanz/Radikalitätsdebatte in der Bewegung

Disclaimer: Dieser Text wurde von Einzelpersonen verfasst und nicht mit der ganzen Besetzung abgesprochen. Es gibt keine autorisierte Gruppe und kein beschlussfähiges Gremium, das ‚offizielle Gruppenmeinungen‘ für die Besetzung beschließen könnte. Die Menschen in der Besetzung und ihrem Umfeld haben vielfältige und teils kontroverse Meinungen. Diese Meinungsvielfalt wird daher hier nicht zensiert, sondern kann gleichberechtigt neben einander stehen. Kein Text spricht für die ganze Besetzung oder wird notwendigerweise von der ganzen Besetzung gut geheißen.

Zitat Taz.de zum Thema Militanz in der Klimabewegung:
„Muss die Klimabewegung radikaler werden? Das ist die falsche Frage. Radikalität ist kein Selbstzweck. Die Frage ist, wie man es schafft, mehr Menschen aus verschiedenen Milieus für eine Klimapolitik zu gewinnen, die der Realität der Klimakrise entspricht. Damit bei der nächsten Wahl die Mehrheit nicht wieder sagt, dass ihr das Klima echt wichtig sei, aber nicht entsprechend wählt.“
=> https://taz.de/Klimabewegung-und-Radikalitaet/!5818080/

Das Problem dabei ist, das Wahlen den Kapitalismus niemals überwinden werden. Radikalität ist kein Selbstzweck, das mag sein. Aber dennoch brauchen wir Strategien, wie wir die kapitalistischen Zwänge und ihre Normalität durchbrechen.

Hier ein paar Gedanken:

Wir sollten erkennen, dass unsere Aufgabe nicht darin besteht, mehr Menschen von unseren Ideen zu überzeugen, sondern den zubetonierten gesellschaftlichen Diskurs aufzubrechen, um Ideen Raum zum wachsen zu geben. Dabei ist es nicht zwingend nötig, Menschen von unseren eigenen Ideen zu überzeugen oder ihre Meinung zu ändern, denn im Kapitalismus ist die Meinung nicht die Ursache für das Handeln der Menschen, sondern ihr Alibi. Die Meinungen werden angepasst, um sich nicht eingestehen zu müssen, selbst Teil des Unterdrückungssystems zu sein. Stattdessen müssen wir die Menschen wieder dazu bringen, eigene Ideen zu entwickeln, und für diese zu kämpfen.

Die strategische Frage ist also nicht, wie wir mehr Menschen in unsere Kämpfe bringen können, sondern wie wir unsere Kämpfe dazu bringen können, die Normalität in der Gesellschaft zu durchbrechen um andere aufkeimende Kämpfe und Ideen zu stärken, ohne dabei zu vergessen unsere eigenen Kämpfe aufrecht zu erhalten und unsere Ideen zu verwirklichen.

Sichtbarkeit ist dabei das beste Instrument, um die Gesellschaft zu beeinflussen. Wenn Aktionen als Signale der Unordnung wirken und die Illusion des sozialen Friedens zermürben, dann durchbrechen Sie die Normalität, und sind dadurch sichtbar. Gleichzeitig trennen solche Aktionen uns auch von der Gesellschaft. Es ist nicht möglich, das System anzugreifen, ohne die Gesellschaft zu stören. Dabei ist die Gesellschaft aber nicht das eigentliche Problem, sondern sie reproduziert die bestehenden kapitalistischen Zwänge.

Das Ziel besteht deshalb darin, Aktionen zu machen, die als Einladung an andere dienen, sich zu Kompliz*innen zu machen… Egal ob mitleidig oder lächelnd, wenn sie ihre Unterstützung anbieten oder auf die Straße gehen, dann haben wir sie an Bord geholt, egal ob sie alle unsere Ideen teilen oder nicht.

Aber solange wir uns nur als politische Subjekte verstehen, die an Demonstrationen teilnehmen, und in Gruppen organisiert sind zusammen mit Menschen, die möglichst die selben Ideen haben wie wir selbst, und dies als Ersatz dafür fungiert, mit Menschen Beziehungen einzugehen und so Netzwerke zu schaffen, die es uns ermöglichen, Aktionsformen zu wählen, mit denen wir die gesellschaftliche Normalität durchbrechen können, werden wir weitgehend isolierte politische Subjekte und Gruppen bleiben.

Netzwerke sind stärker als Hierarchien.

Unsere Netzwerke sind stark wenn jede Einheit eine Vielzahl von Verbindungen hat, anstatt dass es nur einige wenige Knoten gibt, über die alle Verbindungen laufen.

Die Frage „nach welcher Vision oder welchem Plan wird die Gesellschaft nach dem Kapitalismus organisiert sein?“ bringt uns dabei nicht weiter.

Wir werden stärker sein als je zuvor, wenn wir lernen zu verstehen, dass nicht alle so handeln werden wie wir. Unsere Effektivität liegt nicht darin, die ganze Welt gleich zu machen, sondern darin, den besten Weg zu finden um mit denen komplementär in Beziehung zu treten, die anders sind und eigene Ideen haben.
Wir sind dann ein intelligenter und uns selbst organisierender Organismus, solange wir alle Pläne machen, Visionen und Ideen teilen und Initiativen ergreifen. Alle Organisationsformen werden immer wieder neu zwischen den Menschen ausgestaltet werden müssen, die sich organisieren wollen.

Wir sollten uns auch nicht darauf beschränken, ein System zu schaffen, das das bestehende System ersetzt oder eine Infrastruktur zu schaffen, die die bestehende Infrastruktur überflüssig macht.

Wenn wir die physische Verwirklichung unserer Projekte und Ideen als Sieg betrachten, werden wir eine konservative Haltung einnehmen und versuchen, diese Projekte zu retten oder zu schützen, wobei wir aus dem Auge verlieren, was ihren größten Wert ausmacht:

Unsere Projekte sind nützlich, wenn wir sie nutzen, um die gesellschaftliche Normalität zu durchbrechen.

Klar werden wir physisch viel von dem verlieren, was wir erschaffen, aber das ist okay, denn sie dienen nicht dazu, erhalten zu werden, sondern dazu, uns neue Fähigkeiten beizubringen und der Gesellschaft Visionen von neuen möglichen Welten zu vermitteln.

Was es zu erhalten gilt, sind die Ideen und Lösungen, die wir in unseren Projekten erarbeiten und die Netzwerke, die wir knüpfen.

Denn nur dann können wir auf Ihnen aufbauen, unsere Ideen weiterentwickeln und immer wieder neue Projekte verwirklichen.
Damit unsere Projekte und Aktionen Orte sind, an denen wir ehrlich unsere Visionen einer anderen Welt zum Ausdruck bringen.

Danni lebt!

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