Warum wir trotz der Pandemie immer noch hier sind.

Disclaimer: Dieser Text wurde von Einzelpersonen verfasst und nicht mit der ganzen Besetzung abgesprochen. Es gibt keine autorisierte Gruppe und kein beschlussfähiges Gremium, das ‚offizielle Gruppenmeinungen‘ für die Besetzung beschließen könnte. Die Menschen in der Besetzung und ihrem Umfeld haben vielfältige und teils kontroverse Meinungen. Diese Meinungsvielfalt wird daher hier nicht zensiert, sondern kann gleichberechtigt neben einander stehen. Kein Text spricht für die ganze Besetzung oder wird notwendigerweise von der ganzen Besetzung gut geheißen.

Ich bitte Sie: Verzichten Sie auf jede Reise, die nicht wirklich zwingend notwendig ist […] Bitte bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause, an Ihrem Wohnort”, sagte Angela Merkel1 am 17.10. in ihrem Podcast2. An diesem Tag stieg ich in einen Zug, überquerte eine Staatsgrenze und schloss mich den Aktivist*innen an, die wie ich aus mehreren Städten, Bundesländern und Ländern Europas kamen, um den Dannenröder Wald vor der Zerstörung zu schützen.

Hierher zu kommen, um gegen eine neue Autobahn zu kämpfen, ist das nicht eine zwingend notwendige Sache? Ist es nicht dringend notwendig, einzugreifen, um zu verhindern, dass Wälder abgeholzt werden, damit noch mehr Autos noch schneller fahren können?

Selbst in Zeiten einer Gesundheitskrise dürfen wir uns nicht einfach einsperren lassen. Die Polizei und die Baumfäller machen auch keine Pause. Wir müssen hier kollektiv handeln, wo immer es sinnvoll ist.

Diejenigen, die wirtschaftliche und politische Macht haben, können nicht behaupten, dass sie die Gesundheit aller in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen, wenn sie vor allem zum Nichtstun und Zuhause-Bleiben aufrufen. Wir sollten ihnen nicht blind gehorchen. Zwei Beispiele, neben vielen anderen, sind ein klarer Beweis dafür: Klimawandel und Luftverschmutzung.

 

Zu dem Klimawandel : Wie viele Menschen und Tiere in der Welt, in Europa und sogar hier, sterben vorzeitig oder werden in ihrem Leben durch die Ursachen und die Folgen des Klimawandels stark beeinträchtigt (Naturkatastrophen, Infektionen, Dürre und Wasserknappheit, Hitzewellen3…)?

Für uns in der Besetzung und auf dem Camp ist es klar, dass die Covid-19-Krise und Klimakrise verbunden sind.4 Diejenigen, die unbedingt einen intellektuelleren Diskurs aus einer “bürgerlich-glaubwürdigen Quelle” brauchen, um sich von dem Zusammenhang zwischen Covid-19 und der Klimakrise zu überzeugen, können diesen Artikel aus der Zeit lesen5. Unter anderem ist wieder erwähnt, dass “weltweite Waldrodung etwa, Dürre, Erderwärmung oder der Verlust von Biodiversität, zu […] einer zunehmenden Übertragung von Krankheiten vom Tier auf den Menschen [führen].” Lieber Wald statt Asphalt, nicht wahr?

Zur Luftverschmutzung: Wie viele Menschen sterben in Deutschland jährlich vorzeitig aufgrund von Luftverschmutzung? 120.000. In Europa? 790.0006. Neben den Todesfällen gibt es Millionen von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, die an Asthma oder Diabetes leiden, Senioren, die die letzten 5 oder 10 Jahre ihres Lebens durch Herz- und Atemwegsprobleme oder Krebs beeinträchtigt erleben.

Woher kommt diese Verschmutzung? Feinpartikel, die durch Transport (Autos, Flugzeuge, Lastwagen, Frachtschiffe usw.), Energieerzeugung (Braunkohle), Massentierhaltung usw. freigesetzt werden.

[Video mit Max-Planck-Gesellschaft https://www.youtube.com/watch?v=WZyhuFllEok&feature=youtu.be ]

Was ist der Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Covid-19-Todesfällen? Menschen, die in Gebieten mit verunreinigter Luft leben, (in der Nähe von Flughäfen, Autobahnen, Kohlekraftwerken, in Gebieten mit einer hohen Konzentration von Massentierhaltung oder in einer „normalen Großstadt wie z.B. Frankfurt), haben ein höheres Risiko, Herz- und Atemwegsprobleme zu entwickeln, und dadurch auch ein höheres Risiko, schwere Formen der Covid-19-Erkrankung zu entwickeln. Laut dem Max-Planck-Institut für Chemie sind zurzeit 26 Prozent der deutschen Covid-19-Todesfälle auf die Belastung durch Feinstaub aus menschlichen Quellen, also etwa aus der Verbrennung fossiler Energieträger und aus anderen anthropogenen Quellen, zurückzuführen: “Offenbar schädigt Feinstaub Blutgefäße auf ähnliche Weise wie Sars-CoV-2 und erleichtert dem Virus die Infektion von Zellen in der Lunge.”7

Wie die Machthaber*innen versuchen, die Covid-19-Pandemie zu bekämpfen.

Die von den Behörden verfolgte Strategie besteht darin, soziale Kontakte einzuschränken, um so zu verhindern, dass sich gefährdete Personen infizieren. So fordern die Behörden die gesamte Gesellschaft auf, sich zusammenzureißen, sich zu opfern und Maßnahmen zu akzeptieren, die enorme soziale, wirtschaftliche und sogar gesundheitliche Folgen haben8. Das Gesundheitspersonal, das bereits ausgebrannt ist, muss den Schlag abfedern, während Politik und Wirtschaft auf einen Impfstoff warten, der es ihnen ermöglicht, wieder zur gewohnten Routine (oder „business as usual“) zurückzukehren. Gleichzeitig werden öffentliche Gelder verwendet, um fossile Brennstoffe und Unternehmen wie die Lufthansa zu subventionieren, Mischwälder zu zerstören, Autobahnen zu bauen… Leider wird die Wissenschaft keinen Impfstoff gegen schlechte Luftqualität finden, und auch keinen gegen die Dummheit.

Mir ist bewusst, dass Covid-19 an sich eine gefährliche Krankheit ist, die auch unabhängig von Feinstaub Menschen verletzen und umbringen kann. Ich verstehe auch, dass eine Kontakteinschränkung die Überlastung des bereits kaputt-gemachten Gesundheitssystems abmildern könnte und auch Covid-19-Erkrankungen und Todesfälle verringern könnte.

Doch es erscheint absurd, an Menschen zu appellieren, „zu Hause“ zu bleiben, während sich so viele aufgrund von prekären Arbeitsverhältnissen in ihrem Job mit Sars-CoV-2 anstecken. Es ist notwendig, im öffentlichen Diskurs immer wieder den Zusammenhang zwischen Covid-19 und den bereits erwähnten kapitalistischen Faktoren zu unterstreichen, die nicht nur die Covid-19-Pandemie bedingen und verschlimmern, sondern viel gravierendere Folgen haben und haben werden.

Eine andere mögliche Strategie

Was wäre, wenn wir gemeinsam an den Wurzeln des Problems anpacken würden, indem wir die Faktoren verringern, die schwere Formen von Covid-19 und andere Herz- und Atemwegserkrankungen, die Entwicklung von Epidemien und dem Klimawandel begünstigen? Die derzeitigen „Anstrengungen“ der Regierungen, wie z.B. der viel zu spät stattfindende Kohleausstieg, reichen nicht aus oder werden durch andere schädliche Maßnahmen zunichte gemacht (neue Start- und Landebahnen auf Flughäfen, größere Autos, der Aufstieg von Elektrofahrzeugen…).

Wenn wir diese durch Umweltverschmutzung und Klimawandel bedingten vorzeitigen Todesfälle und behindernden Krankheiten wirklich vermeiden wollen würden, müssten wir den Flug- und Straßenverkehr deutlich reduzieren, intensive Tierhaltung stoppen, die Zerstörung von Dörfern9 und zur Verbrennung von Braunkohle in der Lausitz oder im Rheinischen Revier beenden.

Diese Maßnahmen hätten ebenso schmerzhafte Folgen für die Wirtschaft, das Wachstum, den Arbeitsmarkt und auch Folgen für unsere Lebensweise: Einige Menschen könnten nicht mehr mit 220 km/h in ihren SUVs fahren, würden seltener nach Mallorca fliegen und könnten nicht mehr jeden Tag Leberwurst essen.

Man könnte sich jedoch eine verlagerte Ökonomie vorstellen, in der Arbeit, Konsum und Profit nicht mehr im Mittelpunkt stehen würden. Eine angepasste Lebensweise, bei der wir einen Tapetenwechsel nicht mehr auf abgelegenen Inseln suchen würden, sondern in unseren erhaltenen Wäldern. Und auch in den neuen, ungewöhnlichen Landschaften, die auf den Ruinen verlassener Autobahnen und Flughäfen entstehen würden.

Wäre dieses Leben schlimmer als die Episoden der Ausgangssperre, die wir aktuell gezwungen sind zu ertragen? Ich persönlich denke nicht, aber die Machthaber*innen sind nicht bereit, notwendige Änderungen vorzunehmen!

[Ich bin für Recycling und kann sowieso nicht so gut Diskurse auf Deutsch schreiben, wie die zuvor erwähnte Politikerin, deswegen versuche ich, ihren Stil und ihre Worte wiederzuverwenden :]

Wie heiß und stürmisch die kommenden Jahrzehnte werden, wie heftig die Luftverschmutzung und die damit verbundenen Gesundheitsschäden, das entscheidet sich in diesen kommenden Tagen, Wochen und Jahren. Das entscheiden wir alle durch unser Handeln. In dieser Lage reicht es nicht mehr aus, Bioprodukte zu kaufen und Rad zu fahren. Wir müssen alles tun, damit der Wald nicht zugunsten von Geld und Machtinteressen gerodet wird. Dabei zählt jeder Tag. Die Waldbesetzung ist das wirksamste Mittel, das wir zurzeit gegen die Zerstörung von Lebensräumen haben.

Ich bitte Sie, wenn Sie es können, kommen Sie nach Dannenrod, um den Kampf um den Wald zu unterstützen. Wenn Sie es nicht können, finden Sie sicher Aktionen, die Sie von Ihrem Zuhause durchführen können.

Jetzt ist es nötiger denn je: Wald statt Asphalt, Danni bleibt!

Eine Waldbesetzerin

1Neben BMW, Volkswagen und Bayer wird die Bundeskanzlerin Angela Merkel als eine der wichtigsten Politikfiguren der Bundesrepublik Deutschland wahrgenommen.

3 Siehe Wikipedia, Folgen der globalen Erwärmung für die Gesundheit https://de.wikipedia.org/wiki/Folgen_der_globalen_Erw%C3%A4rmung_f%C3%BCr_die_Gesundheit

8Allgemeine Angst, Aufschub der Pflege, soziale Isolation, Angst vor Kontamination, Einschließung von Kindern und älteren Menschen, übermäßige Desinfektion, die zu Hautproblemen, Allergien und Wasserverschmutzung führt, Exposition gegenüber Innenraumverschmutzung, Exposition mit häuslicher Gewalt…

9Alle Dörfer bleiben! https://www.alle-doerfer-bleiben.de

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