Wut und der Danni

Disclaimer: Dieser Text wurde uns zugeschickt, und die Veröffentlichung wurde nicht mit der ganzen Besetzung abgesprochen. Es gibt keine autorisierte Gruppe und kein beschlussfähiges Gremium, das ‚offizielle Gruppenmeinungen‘ für die Besetzung beschließen könnte. Die Menschen in der Besetzung und ihrem Umfeld haben vielfältige und teils kontroverse Meinungen. Diese Meinungsvielfalt wird daher hier nicht zensiert, sondern kann gleichberechtigt neben einander stehen. Kein Text spricht für die ganze Besetzung oder wird notwendigerweise von der ganzen Besetzung gut geheißen.

Wir haben das Jahr 2020 und wir haben gerade einen gesunden Mischwald in einem Trinkwasserschutzgebiet an eine Autobahn verloren. Wir alle haben diesen Wald verloren. Wir befinden uns in einer Zeit des Waldsterbens, der Hitzesommer und der Dürrejahre. Die Klimakrise ist heute schon Realität. Und trotzdem hat die schwarz-grüne Landesregierung Hessens diese Schneise in einem der wenigen in Deutschland noch gesunden, intakten Mischwäldern gerodet. Das haben sie wirklich durchgezogen – und das werden wir nie vergessen.

Viele Menschen haben uns danach gefragt: Seht ihr es als Erfolg, was ihr hier gemacht habt? Natürlich ist es ein Erfolg. Es ist krass, wie weit wir es mit unserem Protest geschafft haben. Wir haben uns hier mit dem Endgegner angelegt. Innerhalb von nur einem Jahr haben wir Waldbesetzungen mainstreamfähig gemacht, wir haben das Zeitalter der Mobilitätswende eingeleitet, wir haben einen Kristallisationspunkt der Klimagerechtigkeitsbewegung geschaffen. Nicht zu vergessen ist die ganze Arbeit von lokalen Anwohner*innen seit 40 Jahren. Darauf aufbauen zu können, ist was uns stark macht.

Und gleichzeitig habe ich keine Lust unsere Geschichte im Danni als Erfolg zu verkaufen. Denn es ist kein Erfolg. Wir haben nämlich alle verloren. Wir haben alle einen gesunden Wald verloren, weil keine Politiker*in das Rückgrat hatte, dagegen aufzustehen. Ich merke, da sind noch so viel mehr Emotionen in mir. Trauer, aber vor allem Wut, eine ganz ganz tiefe Wut. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, sehe ich immer noch die fallenden Bäume vor mir. 300 Jahre alte Buchen und Eichen, die längst vor den ersten beschissenen Autos da waren. Die schon so viel erlebt haben. Und ich merke, dass diese Wut irgendwo hin muss.

Ich habe auch noch etwas anderes gemerkt: Wenn ich diese alten Bäume fallen sehe, dann sehe ich in ihnen nicht nur ihre eigene Schönheit und Pracht sterben, ich sehe auch die abgeholzten Wälder in Brasilien. Ich sehe die tausende von Dörfern, die wegen der Kohle abgebaggert wurden oder werden sollen. Ich sehe die Typhoons auf den Philippinen und die Orang-Utans, deren Zuhause der Palmöl-Gier in Indonesien zu Opfer fällt. Ich sehe die Waldbrände in Kalifornien.

Ich habe das Gefühl, dass diese ansonsten so abstrakte Klimakrise im Danni so richtig greifbar geworden ist. Im Danni konnten wir mit eigenen Augen erleben, was Ökozid genau bedeutet. Wir alle haben die Ohmacht im Angesicht der Staatsmacht gefühlt, die auf Biegen und Brechen diesen Wald zerstören wollte. Wir alle haben die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit erlebt, die unter die Haut geht.

Ich glaube wirklich, dass sie sich wirklich keinen Gefallen damit getan haben, uns diesen Wald zu nehmen. Denn sie haben uns noch so viel mehr genommen: Unsere letzte Hoffnung darauf, dass die Verantwortlichen das tun, was richtig ist. Dass die Verantwortlichen das Pariser Klimaabkommen höher werten, als einen Straßenbauvertrag. Was unsere Regierung betreibt ist kein Klimaschutz. So wie es strukturellen Rassismus gibt, betreibt sie strukturellen Anti-Umweltschutz. Es gibt Rechte und Gesetze, die den Bau der A49 aufhalten können, aber sie werden nicht genutzt, weil die Kapitalinteressen der Konzerne als wichtiger gewertet werden. Wir müssen das erkennen, benennen und bekämpfen.

Diese Wut, die sich hier jetzt bei uns aufgestaut hat, muss irgendwo hin. Und sie wird sich verbreiten, wie ein Unkraut, das überall zu wachsen beginnt. Es wird immer wiederkommen. Je mehr sie unsere Äste absägen, je mehr sie unsere Wälder und Wiesen zerstören, desto mehr und desto wütender werden wir zurückkommen. Und wir werden erst aufhören, wenn der letzte Baum gefallen ist.

Lasst uns die nächste Zeit nutzen, um zu lernen und genau zu verstehen, wie dieses Auto-System funktioniert. Genau verstehen, welche Geldflüsse wohin gehen, welche Kapitalinteressen und Logiken wo versteckt sind. Nochmal: Wir legen uns hier mit dem Endgegner an, dem Herz des deutschen Kapitalismus. Darauf müssen wir gefasst sein. Aber durch unsere Recherchen, unsere Intelligenz, unsere Geduld und unser Durchhaltevermögen können und werden unsere Aktionen genau ins Herz treffen.

Wir werden noch so oft Bäume beschützen, uns verzweifelt an sie fest klammern, und wir werden sie immer wieder verlieren. Wir werden noch so viele Niederlagen erleiden müssen. Aber je öfter wir verlieren, desto stärker kommen wir zurück. Und irgendwann werden wir es schaffen.

Wir sind der Beginn der Anti-Auto-Bewegung, einer Bewegung für eine sozial-gerechte Mobilitätswende und Klimagerechtigkeit. Wir sind gekommen, um zu bleiben.

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6 Responses to Wut und der Danni

  1. Gitta Röth says:

    Ich kann deine ohnmächtige Wut unheimlich gut verstehen. Vielen Baumschützern ist das schon allzu oft so ergangen. Bäume sind keine Wegwerfartikel sondern lebendige, ehrfürchtige Wesen, die in ihrem hohen Alter schon viel mehr miterlebt haben, als ein Mensch heute je erlebt hat. Es tut einem in der Seele weh, zu sehen und zu hören, wie sie einfach abgemurkst werden. Und jedesmal, mit jedem Baum, sägen Menschen sich selbst und der gesamten Menschheit damit den eigenen Ast ab. Es ist traurig, dass es so viel Dummheit gibt, so viel Egoismus und so viel Gleichgültigkeit, überall auf der Welt, und vor allem in der Politik.
    Es tat gut im Danni in den vergangenen Monaten zu erleben, dass es auch andere Menschen gibt, Menschen mit echter Empathie für die Natur, Menschen, die verstanden haben, was der Klimawandel für die Welt bedeutet, die verstehen, was Bäume und Wälder für den Klimaschutz bedeuten, und die den Mut haben, sich dafür einzusetzen.
    Und es waren nicht wenige Menschen hier im Danni. Und im Hambi waren es noch viel mehr. Und das macht bei aller Wut auch Mut, und Hoffnung, dass es so, auf diese Weise immer mehr werden. Und damit doch noch was zu retten ist.

  2. Ben says:

    Vielen Dank unbekannter Autor,
    ich finde es sehr wichtig, dass du und andere von euren Erlebnissen und eurem Gefühlsleben erzählt und damit einen Einblick in eure Zeit im Danni ermöglicht. das gitb eine Chance sich einzufühlen und Empathie oder Sympathie zu entwickeln. Ich war leider nie da und bereue das auch. Umso mehr Respekt habe ich vor denen, die sich dort bei jeder Witterung eingesetzt haben! Wie die anderen vor mir stimme ich dir zu: Danni-bleibt habt viel bewegt, ihr habt v.a. auch eine Gemeinschaft geschaffen, die sich der Natur verpflichtet fühlt und sie liebt. Leider fehlt das heutzutage in der Gesellschaft. Viele Kinder, die in Städten aufwachsen, mit Vollzeit-digitalen Babysittern von Netflix bis KiKa und durch ihre Eltern keinen Bezug zur Natur haben entwickeln nie ein Gefühl oder eine Liebe zur Natur. Ein Schulsystem, dass keine Wahlmöglichkeiten lässt und statt Selbstwirksamkeitserfahrungen sowie einen spielerischen, forschenden, interessierten Zugang zu Gemeinschaft, Vielfalt und Natur oder den eigenen Körper zu ermöglichen, immer noch vorwiegend auf analytisch-wissenschaftliche / rationale Denkweise, Bewertungssysteme und Normierung sowie autoritäre und hierarchische Strukturen setzt, wird sich immer weiter von der Natur entfernen. Unser demokratisches System ist zudem viel zu bürokratisch und durch den massiven Lobbyismus viel zu blockiert um schnelle Veränderungen zu bewirken. Das sehen wir auch in der Coronakrise. China ist wesentlich besser davon gekommen weil sie schneller und effektiver durchgreifen konnten. Hat unser System also ausgedient?

    Die Frage ist: Wollen wir eine deutsches China haben? Oder eine Ökodiktatur?
    Unsere Entscheidungen sind so langsam weil die Gesellschaft vielfältig ist und es Meinungsfreiheit gibt. Danni-bleibt ist nur möglich weil wir in diesem System leben. Nur eine Handvoll Länder auf der Welt achtet so stark auf Meinungsfreiheit wie Deutschland. Es gibt ausreichend Statistiken zu Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung von Meinungsfreiheit, Diskriminierung (v.a. FLINT) usw. weltweit. Die weltweit mächtigsten Staaten sind autoritär geführt und korrupt (Russland, China, Türkei, UST (US of Trump), SaudiArabien), ignorieren Flüchtlingskonventionen, Klimaabkommen und Menschenrechte. Auch in der EU finden wir Staaten, denen grüne Politik und eine offene Gesellschaft ein Dorn im Auge sind (z.B. Polen, Ungarn). Auch in Deutschland gibt es weiterhin Unterdrückung und Diskriminierung aber zumindest die rechtliche Basis und die Absicherung durch die Polizei (ja, die Polizei schafft auch Freiheit, auch wenn sie häufig rechts-konservativer ist als sie sein sollte). Die Herausforderung sind somit nicht nur das System sondern die Menschen im System, die Bürger und die Gesellschaft. Gesellschaftliche Veränderung braucht Zeit und viel Geduld. Die Bäume, die im Danni gefällt wurden sind nicht „eure“ oder „deine“ Bäume. Prinzipiell gehören sie niemandem, wenn sie jemandem gehören dann aber zumindest allen, auch denen, die sie gefällt haben.
    So wichtig und wertvoll ich die Bewegung im Danni finde und die Aufmerksamkeit, die sie erzeugt: Sie spiegelt nicht die Mehrheitsmeinung wieder.
    Wo liegt die Ungerechtigkeit im Danni? Und sind Wut und Hass jemals gerecht?
    Oder entstehen sie durch einen Mangel an Empathie, die Verweigerung des Perspektivwechsels und durch enttäuschte Erwartungen und Hoffnungen?

    Ich kann die Wut verstehen und doch sehe ich in ihr keine Gerechtigkeit.
    Darunter liegt Frustration, Trauer und Angst. Und die sollten Ernst und angenommen werden. Um danach wieder aktiv zu werden und diese Gesellschaft / das System mitzuformen.
    Ich forme nicht indem ich zerstöre. Wir können nicht beeinflussen was passiert oder kommen wird wenn wir etwas zerstört haben. Aber wir können aktiv die Dinge in unserer Gesellschaft fördern, die wir schützenswert und wertvoll finden.

    Es gibt keinen Endgegner. Der Reichtum und damit die Privilegien, die wir in Deutschland haben, beruhen auch auf wirtschaftlichem Erfolg und die Autoindustrie ist der historische Hauptgrund für diesen Erfolg gewesen. Es stimmt, wir haben zu spät reagiert, aber es fällt schwer sich von einem eingeschlagenen Weg zu lösen.

    In dieser Welt fehlt es an Liebe für die Natur aber ich wüsste nicht wie Hass sie zurückbringen kann.

    Um nochmal abzuschließen. Ich finde die Bewegung und auch alle Gedanken der Veränderung und Gesellschaftskritik (und des Kapitalismus) darin absolut wichtig. Ich finde auch den Mut zur Veränderung wichtig. Aber ich hinterfrage die emotionale Ablehnung und damit Ausgrenzung / Intoleranz gegenüber der Gesellschaft, die jeden von uns mitgeformt hat, sowie die Defizitorientierung der Umweltbewegung. Ich hoffe, dass die Gemeinschaft und das Zusammenleben, v.a. ein offener Austausch und ein Umgang mit Enttäuschung und Trauer zu viel Veränderung führen und das befördern was erhaltenswert ist.

  3. Nicola says:

    Danke für diesen ergreifenden Text, er hat mir Mut gemacht. Das ist erst der Anfang, jetzt geht’s erst richtig los! Bis Ökozid strafbar wird und die Verkehrswende vollzogen ist.

  4. Elch says:

    Danke für Deinen Beitrag, ich habe ihn mit Interesse und, wie ich glaube, einigermaßen Verständnis gelesen, da ich selbst mehrmals, insgesamt fast 20 Tage, im Dannenröder Wald als Unterstützer der Waldbesetzung war.
    Ich wünsche Dir, dass Deine Wut abklingt und sie sich dabei in Energie umwandelt, um weiter einen Weg zu gehen, der einerseits von Engagement gegen die Umweltzerstörung geprägt ist, aber anderseits auch von Lebensfreude.
    Es gibt einen „Spruch“, den Du vielleicht kennst, mensch findet eine Form bzw. Variante davon unter dem Stichwort „Gelassenheitsgebet“ z.B bei wikipedia. Ich denke, dass dieser Spruch etwas hilfreich sein kann.
    Ich denke, dass Du schon sehr viel „geleistet“ hast und dass Du darauf sehr stolz sein kannst. Überhaupt haben die vergleichsweise sehr wenigen, die sich für Umweltschutz engagiert haben, schon vieles erreicht. Ohne Umweltschützer würde es z.B. noch nicht mal eine Katalysator für PKW geben, noch nicht mal Mülltrennung und Atomkraft hätten wir auch noch in Deutschland. Es gäbe überhaupt kein Bewußtsein und keine öffentliche Diskussion über Umweltzerstörung. Aber natürlich ist es die Frage, ob das bei fast 8 Milliarden Menschen reicht. Es sieht zur Zeit laut den wissenschaftlichen Erkenntnissen eher nicht so gut aus. Also müssen wir weiterkämpfen, aber uns im klaren darüber sein, dass wir viele Ziele nicht erreichen und viele (Umwelt)probleme bestenfalls abmildern können.
    Was ist der Mensch, was ist seine Natur, was ist Gesellschaft, was ist Natur, was sind die Beziehungen zueinander? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Philosophie, die Kunst, die Literatur schon immer und findet nur vage Antworten. Hat der Mensch, die Gesellschaft, etwas Destruktives in sich? Haben das alle (die meisten) Menschen? Woher kommt (käme) es? Wer bestimmt unser Bewußtsein? Sicher unser soziales Umfeld, die Schule, die Medien, die Werbung, aber auch die Mehrheitsmeinung. Es ist wahrlich nicht leicht zu erklären und zu begreifen, warum der Mensch mittlerweile im Begriff ist, seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.
    Ich selbst gehe aber gestärkt aus meiner Zeit im „Danni“ hevor, nicht zuletzt deshalb, weil ich dort so viele wertvolle und liebeswerte Menschen getroffen habe. Mein Handeln wird deshalb zukünftig noch entschlossener und tatkräftiger (und damit auch überzeugender!) von Engagement für Umweltschutz und von einer ökologischen Lebensweise geprägt sein.

  5. Frank says:

    DANKE für diesen Bericht! DANKE für Euren Einsatz! Es stimmt: Wir haben alle verloren! Aber wir verstehen immer besser, wie das System funktioniert, wer welche Ziele verfolgt, wer von welcher Entscheidung profitiert, wer blockiert, täuscht oder betrügt, wer sein wirtschaftliches Wohlergehen über die Belange des Schutzes unserer Umwelt stellt…
    Das alles bleibt nicht ohne Folgen! Es wird Konsequenzen haben!
    Ich persönlich ziehe die Konsequenz und verkaufe mein Auto im Januar 2021. Dann werde ich das machen, was ich schon jetzt immer genieße: Ich nehme mein Fahrrad und fahre abseits der Straßen weitab von allen lauten, stinkenden, gefährlichen und die Umwelt zerstörenden Autos durch den Wald und danke Gott für die herrlichen Bäume, die frische sauerstoffhaltige Luft, die Ruhe, das Glück und den Frieden, die ich dort erleben darf!!!
    Und wenn der nächste Wald abgeholzt werden soll oder anderweitige Zerstörungen unsere schönen Natur – unserer Lebensgrundlagen! – geplant werden, bin ich bei der Demonstration dagegen mit dabei!

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