Genderfrage in der Verkehrspolitik

Eine überdachte Verkehrswende ist nicht nur essenziell zur Schadensbekämpfung der Klimakrise, sondern auch notwendig für eine gendergerechte Verkehrspolitik.

Wenn wir uns Zahlen zu Routen und zur Nutzung der Verkehrsmittel aufgeschlüsselt nach Frauen und Männern anschauen, wird eines ganz klar deutlich.

Eine weitere Autobahn zu bauen spiegelt keinesfalls, wie so oft behauptet, die „Bedürfnissen der Durchschnittsbevölkerung“ wider. Noch weniger ist eine Verkehrspolitik eine „genderneutrale“ Angelegenheit. Nein, eine solche Schnellstraße orientiert sich vor allem an typisch männlichen Routenmustern.

Die Strecke die Männer im Alltagsverkehr zurücklegen ist meist eine einfache Strecke von A nach B nach A. Also von dem Wohnort zur Lohnarbeit und zurück. Straßen, insbesondere Schnellstraßen wie Autobahnen, sind für den Pendler*innenverkehr ausgelegt und geplant. Die Verkehrsplanung ist, so mag es scheinen, von Männern für Männer. Die Männer (es waren bestimmt Männer) die unter anderem die A49 vor über 40 Jahren geplant haben, haben sich also alleinig an dem typisch männlichen Routenmuster orientiert. In ihren Plänen haben sie so die Bedürfnisse der Hälfte der Bevölkerung übergangen. Wobei kaum von „Bedürfnissen“ geredet werden kann, sondern von Wegstrecken, welche notwendigerweise zurückgelegt werden müssen. Auch heute sind die führenden Köpfe im Verkehrsministerium Männer. Ignorieren auch sie gekonnt die geschlechtsspezifischen existierenden Daten? (Wenn, tatsächlich einmal, geschlechtsspezifische Daten erhoben werden, wird nur auf „Frauen und Männer“ eigegangen.)

Die Mittel für Verkehr, welche von der Weltbank zur Verfügung gestellt wird gehen zu 73% auf den Straßen- und Autobahnenbau. Auch das ist nicht unbedingt genderneutral.

Zwei Drittel der Fahrgäste bei öffentlichen Verkehrsmittel sind weiblich. Das heißt das Frauen tendenziell Bus und Bahn nutzen, um ihre Wege zurückzulegen. Die Gründe dafür sind verschieden. Wohingegen es Männer sind, die eher mit dem Auto fahren. Selbst bei einem gemeinsamen Auto haben Männer oftmals Vorrang bei der Benutzung.

Wo Männer auf geraden Strecken von A nach B nach A fahren, sieht die Wegstrecke die Frauen täglich zurücklegen sehr viel komplexer aus. 75% der unbezahlten Care-Arbeit liegt im Durschnitt zur Lasten von Frauen. Was leider für Frauen bedeutet, täglich ihre Kinder zur Schule und zum Kindergarten im Nachbardorf zu bringen. Die älteren Familienmitgliedern zur Ärztin zu begleiten. Von der Arbeit zurück irgendwo einkaufen gehen, die Kinder wieder abholen und sie abends zu Freund*innen bringen…

Für die aufgrund von Care-Tätigkeiten gezwungenermaßen zurücklegen Wegstrecken, ist eine Anpassung an ihre Fortbewegungsbedürfnisse und die Realität der zurückgelegten Strecken längst überfällig.

Anstatt den ländlichen öffentlichen Nahverkehr zugunsten von Schnellstraßen zurückzubauen, muss er dringend weiter ausgebaut werden. Zumindest wenn wir die Gleichberechtigungsfrage im 21. Jahrhundert ernst nehmen wollen.

Öffentlicher Nahverkehr und gute Verbindungen in die Nachbardörfer, erleichtern von der anstrengenden Care-Arbeit. Gute Busverbindungen ermöglichen es Kindern eigenständig zur Schule zu fahren. Großeltern sind nicht auf die Begleitung von Müttern bei ihrem Arzttermin angewiesen. Zum Einkaufen ist kein Warten auf ein Sammeltaxi mehr nötig.

Ein gut verbundenes Netz aus kostenlosem Nahverkehr, fördert Unabhängigkeit und schafft uns ein Stück weiter in Richtung Gleichberechtigung. Durch die Entlastung der Frauen bei der Care-Arbeit, ist es ihnen eher möglich, unteranderem Lohnarbeiten zu gehen. Mit dieser gewonnen Zeit sich den Unterhalt selbst zu verdienen und einen guten Schritt weg von der andauernden Abhängigkeit zu sein.

Wenn wir also die 1,1 Milliarden Euro statt in eine zukunftslose und mehr als unnötigen Autobahn, in eine gute Infrastruktur fließen lassen. Also in ein gut verbundenes Netz aus kostenlosem Nahverkehr, kommen wir einer wirklichen Gleichberechtigung ein gutes Stück weiter.

In Rücksichtnahme aller in einer Region lebenden Menschen kann keinesfalls eine weitere Schnellstraße in die nächstgrößere Stadt gebaut werden, welche sich allein an den Bedürfnisse von Männern orientiert.

Eine gute gerechte Verkehrspolitik muss sich der Lebensrealität aller Menschen anpassen. Wenn das jetzt schon so wäre würde die A49 nicht einmal in Betracht gezogen werden.

(Den Großteil der Zahlen und Quellen habe ich dem Buch „unsichtbare Frauen; wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ von Caroline Criadoperez entnommen.)

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