Im Umgang mit Corona

Gerade in einer Zeit mit einer unerwarteten Herausforderung sind wir natürlich immer noch eine bunte Gruppe mit unterschiedlichen Meinungen und Prioritäten. Deswegen kann offensichtlich auch bei diesem Text nicht jeder Absatz für jeden Menschen in der Besetzung sprechen. Wir arbeiten weiter an einem größtmöglichen Konsens.

Die Pandemie, die derzeit regelmäßig tausende Menschenleben pro Tag kostet, hat den Alltag und das öffentliche Leben rund um die Welt gründlich umgekrempelt. Im Gegensatz dazu hat sich der Alltag in der Waldbesetzung bisher kaum verändert: Die meisten unserer Besucher*innen halten einen Sicherheitsabstand, wir leben hier ohnehin als Gruppe zusammen und müssen nicht vereinsamen, und die meisten von uns sind zu jung um sich ernsthaft Sorgen um die eigene Gesundheit machen zu müssen.

Aber das massenhafte Sterben lässt uns natürlich nicht kalt. Unsere Jugend ist ein Privileg, gerade in diesen Zeiten. Dieses Privileg versetzt uns in die solidarische Verantwortung, unser Verhalten an die außergewöhnlichen Umstände anzupassen, auch wenn wir nicht ganz egoistisch Angst vor einer Ansteckung haben.

Deswegen haben Menschen in der Besetzung diese Liste von Appellen ausgearbeitet:

* Bitte reise vorläufig nur dann aus der Besetzung ab, wenn du dafür notwendige Gründe hast.

* Bitte beobachte dich selbst genau auf die typischen Symptome von Corona und geh damit sofort transparent um. Sollten auffällig viele von uns Symptome haben, ist davon auszugehen, dass wir alle infiziert sind und wir sollten eine angemessene Quarantäne beginnen.

* Falls du dringende Gründe hast abzureisen, lass bitte Kontaktdaten in der Besetzung. (Falls du da Sicherheitsbedenken hast, kannst du ja für den Zweck eine wegwerf-email einrichten.) So können wir dich erreichen, falls nach deinem Aufbruch Zeichen von Corona bei uns auftauchen, und du kannst dich entsprechend verantwortlich verhalten.

* Wir bitten Menschen, die uns besuchen möchten, darüber noch einmal gründlich nachzudenken. Jede Reise bedeutet ein Risiko, den Virus zu verbreiten, selbst wenn du selbst niemals irgendwelche Symptome hast. Wenn du uns den Virus einschleppst, wird uns das unter Druck setzen in Quarantäne zu gehen – und die würde unser Leben nicht gerade einfacher machen.

* Wir können niemanden daran hindern zu kommen. Wir finden es aber auch weiterhin wichtig, mit dieser Kampagne den Dannenröder Wald zu schützen und gegen zerstörerische Großbauprojekte wie die A 49 vorzugehen. Falls Du vorhast zu kommen, melde dich aber bitte unbedingt vorher. Falls wir hier gerade ein erhöhtes Ansteckungsrisiko vermuten, fänden wir es wichtig dich darüber zu informieren – und fänden es in dem Fall unverantwortlich, dich zu diesem Zeitpunkt willkommen zu heißen.

* Wir würden es vorziehen, dass du eher für eine Weile kommst als nur für eine Nacht – und beim Verdacht auf einen akuten Corona-Ausbruch bis zum Ende unserer gemeinsamen Quarantäne.

* Für den Fall, dass du es noch nicht getan hast, informiere dich bitte gründlich über die Krankheit, ihre Auswirkungen, ihre Inkubationszeit, und was das für dich bedeutet. Sieh es mal so: Wenn du das realistische Risiko hättest, HIV-infiziert zu sein, würdest du ja (hoffentlich) auch verantwortlich damit umgehen – und derzeit ist HIV für die meisten Menschen in Europa weniger gefährlich als Corona für ältere und vorerkrankte Menschen.

* Es ist durchaus möglich, weiter politisch aktiv und vernetzt zu sein auf eine verantwortliche Weise, die die Gesundheit und das Leben anderer schützt. Eine Voraussetzung dafür ist es aber, sich zu informieren.

Es ist ein Problem, dass die Gesundheitssysteme rund um die Welt (und auch in Deutschland) seit Jahrzehnten so weit kaputt gespart wurden, dass die meisten dort arbeitenden Menschen schon im Normalbetrieb permanent an ihre Leistungsgrenzen kommen. Auch das ist ein Grund, dass eine Krankheit, die in den meisten Fällen gut behandelbar sein könnte, so große Einschnitte für ganze Gesellschaften bedeutet.

Es ist ein Problem, dass die Angst vor der Krankheit sämtliche gesellschafltiche Aufmerksamkeit monopolisiert. Was ist los mit den Themen, die uns vor Corona interessiert haben? Zum Beispiel: Interessiert sich noch irgendjemensch dafür, wie es den Geflüchteten an den EU-Außengrenzen geht? Dort werden wegen Quarantänebehstimungen die humanitären Unterstützer*innen an der Anreise und damit faktisch an ihrer lebenswichtigen Arbeit gehindert. Die ohnehin katastrophalen Bedingungen vor Ort werden dadurch noch unerträglicher, und noch unsichtbarer für die hiesige Öffentlichkeit – die sich ohnehin nur noch um ihren eigenen Nabel zu drehen scheint.

Es ist gruselig, wie krass derzeit weltweit Freiheitsrechte eingeschränkt werden und die meisten nur nicken und danke sagen. Es gibt dafür zwar sinnvolle Gründe, aber es bleibt gruselig. Diese Freiheitsrechte wurden über Jahrhunderte mit viel Schweiß und Blut erkämpft. Und es ist alles andere als sicher, dass wir nach Ende der akuten Krise dieselbe relative Freiheit zurückbekommen, die wir vorher genossen haben.

Zusammenfassend ist zu sagen: Die Coronakrise ist politisch, von vorne bis hinten. Und gerade in so einer Krise müssen wir als Widerstands- und Protestbewegungen aufmerksam und aktiv bleiben. Das ist schwierig, aber gerade deshalb ist es umso wichtiger. Gerade wenn kein Mensch hinschaut, beschließen die Mächtigen rund um die Welt mit großer Vorliebe die hässlichsten Gesetze. Wenn sie das tun, sollten wir bereit sein, ihnen auf die Finger zu klopfen.

Trotzdem ist es vielen bei uns ein dringender Wunsch, dass einige Tatsachen in der Besetzung Konsens sind: Dass diese Krise echt ist, dass diese Krankheit massenhaft tötet, dass unser Verhalten mit dem Überleben anderer zu tun haben kann, und dass das eine Menge mit ageistischen, ableistischen, rassistischen und anderen Privilegien zu tun hat.

Wir hoffen, dass ihr gut durch die Krise kommt. Lasst euch den Spaß nicht verderben, bleibt kämpferisch, und bleibt gesund.

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